„Unser Licht ist so ungemütlich.“ – Was dahintersteckt, und warum es fast immer zu spät ist, wenn ich angerufen werde.
- vor 6 Tagen
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Das ist der häufigste erste Satz, den ich höre. Nicht: „Wir brauchen einen Lichtplaner.“ Nicht: „Wir haben ein Beleuchtungsproblem.“ Sondern: „Unser Licht ist so ungemütlich.“
Manchmal folgt noch: „Wir waren bei Freunden, die hatten so schönes Licht. Wir haben nur eine Deckenleuchte und wissen nicht weiter.“
Wenn ich dann frage, wann das Haus gebaut oder renoviert wurde, kommt fast immer dieselbe Antwort: vor zwei, drei, fünf Jahren. Das Haus ist fertig. Der Elektriker ist längst weg. Die Leerrohre sitzen, wo sie sitzen.
Und ich stehe in einem Raum, in dem ich sehe, was passiert ist: Eine Deckenleuchte in der Raummitte. Schalter neben der Tür. Fertig.
Was der Elektriker richtig gemacht hat
Der Elektriker hat keinen Fehler gemacht. Er hat nach Standard gearbeitet: ein Anschluss pro Raum, mittig, symmetrisch zur Grundfläche.
Das ist die Konvention, und sie funktioniert – für Licht, das einen Raum gleichmäßig ausleuchtet.
Das Problem ist, dass gleichmäßige Ausleuchtung nicht dasselbe ist wie gutes Licht.
Ein Raum, in dem überall gleich viel Licht ist, hat keine Tiefe, keine Atmosphäre, keine Zonen. Er sieht aus wie ein Büro. Er fühlt sich an wie ein Büro.
Niemand hat dem Elektriker gesagt, dass das Wohnzimmer abends zur Leseecke und gleichzeitig zum Esstisch und zur Sofazone werden soll. Niemand hat ihm gesagt, wo die Bilder hängen, wo die Küche aufhört und der Wohnbereich anfängt, was beleuchtet werden soll und was im Dunkeln bleiben darf.
Das ist keine Aufgabe des Elektrikers. Das ist Lichtplanung.
Wann Lichtplanung stattfindet – und wann sie stattfinden müsste
In Deutschland wird Lichtplanung in den allermeisten Wohnbauprojekten in Leistungsphase 6 oder später eingebunden – also wenn Ausführungsplanung und Ausschreibung bereits abgeschlossen sind. Manchmal noch später: wenn der Rohbau steht. Oder wenn man schon drin wohnt, manchmal sogar schon jahrelang.
Zu diesem Zeitpunkt sind die entscheidenden Weichen bereits gestellt. Die Leerrohre sind verlegt. Die Unterputzdosen sind gesetzt. Die Elektroplanung ist abgeschlossen. Was jetzt noch möglich ist, ist Kosmetik – und teuer erkaufte Flexibilität über Hilfsmittel wie Stromschienen oder Aufputzleitungen. Oder schlitzen durch den Elektriker mit dem natürlich entstehenden Dreck und Staub.
Was wäre möglich, wenn ich in Leistungsphase 2 dabei wäre – bei der Vorplanung, bevor irgendjemand irgendeinen Leerrohr verlegt hat?
Alles.
Licht, das nicht von der Mitte kommt, sondern von dort, wo es gebraucht wird. Steckdosen, die sich nicht an den falschen Stellen befinden. Wände, die gezielt angestrahlt werden und einen Raum dadurch größer wirken lassen. Arbeitsflächen, die beleuchtet sind, nicht beschattet. Ein Schlafzimmer, das abends wirklich dunkel werden kann. Ein Badezimmer, das morgens wach macht und abends entspannt.
Das ist kein Luxus. Das ist Planung.
Was „Licht dezentral verteilen“ bedeutet – und warum die Deckenleuchte nicht das Problem ist
Die Deckenleuchte ist nicht das Problem. Sie ist das Symptom.
Das eigentliche Problem ist, dass Licht im Raum als Einheit gedacht wird: eine Quelle, ein Schalter, ein Ergebnis. Aber ein Raum ist keine Einheit – er ist eine Abfolge von Zonen, Aktivitäten, Stimmungen. Morgens, abends, beim Essen, beim Lesen, beim Aufräumen.
Dezentrale Beleuchtung bedeutet nicht, dass überall Leuchten hängen müssen. Es bedeutet, dass Licht dort sitzt, wo es gebraucht wird – nicht dort, wo es geometrisch symmetrisch ist. Eine Wandleuchte neben dem Sofa. Ein gezielter Strahler über dem Esstisch. Indirektes Licht, das die Decke erhellt und den Raum größer macht. Eine Arbeitsplatte, die von oben beleuchtet wird, nicht von hinten beschattet.
Das alles braucht Vorbereitung. Leerrohre, die in der richtigen Wand sitzen. Dosen, die an der richtigen Stelle sind. Einen Elektriker, der weiß, was geplant ist – weil ein Lichtplaner es ihm gesagt hat, bevor die Wände geschlossen wurden.
Was passiert, wenn ich zu spät angerufen werde
Dann arbeite ich mit dem, was vorhanden ist. Das geht meistens – aber es kostet.
Stromschienen über den vorhandenen Deckenanschluss, um Licht flexibel verteilen zu können. Aufputzlösungen, wo Unterputz möglich gewesen wäre. Kompromisse bei der Lichtposition, weil die Leitung nicht dorthin kommt, wo das Licht sein sollte.
Das sind keine schlechten Lösungen. Aber sie sind Antworten auf ein Problem, das nicht hätte entstehen müssen.
Manchmal ist die Einschränkung allerdings nicht vermeidbar — und dann entscheidet nicht die Freiheit der Mittel, sondern die Qualität der Idee. In einem denkmalgeschützten Schuhgeschäft in Karlsruhe gab es einen einzigen Deckenauslass. Stemmen war keine Option. Die Lösung: ein Ringpendel, das in die Breite geht und gerichtete Strahler trägt, die gezielt Objekte und Flächen beleuchten — ergänzt durch Vitrinenbeleuchtung und Wandakzente. Der Ringpendel mit sichtbaren Leuchtmitteln ist dort eine bewusste Designentscheidung: In einem Retail-Kontext, wo die Leuchte selbst Teil der Inszenierung ist, gelten andere Maßstäbe als im Büro. Blendung ist hier Absicht, nicht Fehler.
Was ich jedem Bauherren und Architekten sage
Ruf mich an, wenn der Grundriss steht – nicht wenn die Wände stehen.
Lichtplanung kostet in LP 2 kaum mehr als in LP 6. Was sie spart, ist erheblich: Nachbesserungen, Kompromisse, der diffuse Satz „unser Licht ist irgendwie nicht gemütlich“, den man Jahre später ausspricht, ohne genau sagen zu können, warum.
Gutes Licht ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Entscheidung, die früh getroffen wird.
Titelbild: Schuhgeschäft Antora, Karlsruhe. Denkmalgeschütztes Gebäude, ein einziger Deckenauslass. Lichtplanung: Licht + Planung GmbH & Co. KG. Foto: Stephan Baumann, bild-raum.com
Fatih Yetgin ist Dipl.-Ing. Architekt und Lichtarchitekt mit fast 20 Jahren Erfahrung und rund 3.000 realisierten Projekten. Licht + Planung GmbH & Co. KG, Karlsruhe.




