UGR 19 im Büro: eine Norm für Bildschirme, die es nicht mehr gibt.
- 20. Juli
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UGR 19 steht in fast jeder Büro-Lichtplanung. Es ist die Zahl, die Blendung begrenzen soll, und sie gilt als gesetzt. Ich bezweifle, dass sie das noch tut – zumindest nicht so, wie sie es ursprünglich sollte. Das ist eine These, keine Norm. Aber sie hat Grundlagen.
Woher kommt UGR 19?
Der UGR-Wert – Unified Glare Rating – wurde Ende der 1970er Jahre entwickelt, als Linsen-Leuchtstofflampen auf den Markt kamen. 1995 hat die CIE, die internationale Beleuchtungskommission, die Methode in CIE 117-1995 formal eingeführt. Die Skala läuft von 10 bis 30, und UGR 19 gilt seither als Obergrenze für Büroarbeitsplätze – für Lesen, Schreiben, Bildschirmarbeit.
Die Frage, die sich stellt: Für welche Bildschirme gilt diese Grenze eigentlich?
Quelle: CIE Technical Report 117-1995; Acuity Brands, LD+A Magazine, Oktober 2020.
Das eigentliche Problem war Reflexblendung an Glas
Wenn eine Leuchtstoffröhre im Deckenraster hing und sich in einem alten Bildschirm spiegelte, war das Problem klar und direkt: Die Leuchte erschien als scharfes, helles Spiegelbild auf dem Bildschirm. Das Auge kämpfte gleichzeitig gegen den Bildschirminhalt und gegen das Spiegelbild der Leuchte – klassische Reflexblendung.
Der Grund, warum das so störend war, liegt in der Physik von Glas. Glas ist ein hochreflexives Medium, das Licht spekulär – also spiegelnd, mit scharfer Abbildung – zurückwirft. Wer schon einmal an einem Wolkenkratzer vorbeigelaufen ist und in der Glasfassade die gegenüberstehenden Gebäude als scharfes Spiegelbild gesehen hat, kennt das Prinzip. Frühe Bildschirme hatten genau diese Eigenschaft: eine Glasscheibe als äußerste Schicht, die Deckenleuchten als scharfe helle Punkte zurückwarf.
UGR 19 wurde entwickelt, um genau dieses Problem zu begrenzen.
Was sich seither verändert hat
Moderne Displays sind keine Glasscheiben mehr. Die Außenschicht ist heute in den allermeisten Fällen eine Polymerfolie – also Kunststoff – mit matter oder nano-matter Beschichtung. Kunststoff hat einen deutlich niedrigeren Brechungsindex als Glas und reflektiert nicht spekulär, sondern diffus: kein scharfes Spiegelbild, sondern allenfalls ein weicher, ungerichteter Schimmer.
Hersteller wie BenQ erreichen mit ihren Nano-Matte-Pro-Panels Reflexionsraten unter einem Prozent. Zum Vergleich: Unbehandeltes Glas reflektiert an jeder Grenzfläche rund vier Prozent spekulär – und ein Glas-Display hat zwei solche Grenzflächen.
Hinzu kommt die Helligkeit. Ältere Büromonitore arbeiteten mit 80 bis 120 Nits. Heutige Standard-Bürobildschirme liegen bei 250 bis 350 Nits, manche deutlich darüber. Das bedeutet: Der Kontrast zwischen dem, was der Bildschirm selbst zeigt, und dem, was er von der Deckenleuchte zurückwirft, hat sich fundamental verändert. Was früher störend auffiel, verschwindet heute im Eigenleuchten des Displays.
Quelle: BenQ – Nano Matte Panel Technology; Display Ninja – Panel Coating; KTC – Monitor Brightness and Eye Strain, 2026.
Meine These
UGR 19 war die Antwort auf ein spezifisches technisches Problem: spekuläre Reflexion an Glasbildschirmen mit geringer Eigenhelligkeit. Dieses Problem existiert in dieser Form nicht mehr. Die Displays haben sich verändert – das Material, die Beschichtung, die Helligkeit. Die Norm hat sich nicht verändert.
Das bedeutet nicht, dass Blendung durch Deckenleuchten kein Thema mehr wäre. Direkte Blendung – wenn man direkt in eine zu helle Leuchte schaut – ist nach wie vor real und sollte begrenzt werden. Aber die spezifische Begründung für UGR 19 als Büronorm, nämlich der Schutz vor Reflexblendung auf dem Bildschirm, hat ihre ursprüngliche technische Grundlage verloren.
Diese Einschätzung gilt vor allem für Bildschirmarbeitsplätze mit modernen Displays. In anderen Nutzungssituationen – Papierarbeit, Zeichnen, Lesen – bleibt Blendungsbegrenzung ein sinnvolles Planungsziel. Und wer vertraglich UGR 19 schuldet, muss es liefern. Aber wer versteht, warum der Wert einmal entstanden ist, plant sorgfältiger als jemand, der ihn einfach abhakt.
Was die DGUV selbst schreibt
Die stärkste Bestätigung dieser These kommt nicht aus der Forschung, sondern aus einem offiziellen Regelwerk: der BGI 856 „Beleuchtung im Büro“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Dort steht, im Abschnitt über Reflexblendung auf dem Bildschirm, ein Satz, der die Norm selbst einschränkt:
„Es gibt inzwischen auf dem Markt LCD-Bildschirme, bei denen selbst bei noch höheren Leuchtdichten kaum störende Reflexionen auftreten.“
Das ist die Berufsgenossenschaft, die in ihrem eigenen Regelwerk einräumt, dass die Leuchtdichtegrenzwerte für moderne Bildschirme nicht mehr passen.
Gleichzeitig warnt dieselbe Quelle ausdrücklich vor Bildschirmen mit stark glänzenden – also gläsernen – Anzeigen: „Diese Geräte sollten nicht für die Büroarbeit eingesetzt werden.“ Das ist der direkte behördliche Beleg für das, was ich oben über Glas als spekulären Reflektor geschrieben habe.
Und dann noch ein Detail, das die Anwendbarkeit der Norm grundsätzlich einschränkt: Die beschriebenen Leuchtdichtegrenzwerte gelten laut BGI 856 ausdrücklich nur „für Bildschirme mit einer Diagonalen des sichtbaren Teiles bis zu 48 cm (19 Zoll)“. Der Bürostandard heute ist 24 bis 27 Zoll – zwei Monitore nebeneinander sind keine Seltenheit. Die Norm beschreibt eine Arbeitswelt, die es so nicht mehr gibt.
Quelle: BGI 856 „Beleuchtung im Büro“, Abschnitt 2.3.2 Reflexblendung auf dem Bildschirm, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), vorschriften.bgn-branchenwissen.de/daten/dguv/215_442/2_3_2.htm
Die CIE hat selbst nachgebessert
Was mich in dieser These bestärkt: Die CIE selbst hat 2019 reagiert. In CIE 232:2019 – „Discomfort Caused by Glare from Luminaires with a Non-Uniform Source Luminance“ – haben Experten die Grenzen der UGR-Formel untersucht und Korrekturen vorgeschlagen.
Der Befund von Philips Research, der diesen Prozess wesentlich angestößen hat: Bei LED-Leuchten mit nicht-uniformer Leuchtdichteverteilung – also Leuchten, bei denen einzelne Lichtpunkte unterschiedlich hell sind – zeigte der berechnete UGR-Wert keinerlei Korrelation mit der tatsächlich wahrgenommenen Blendung. Das Bestimmtheitsmaß lag bei R² = 0,04. Anders gesagt: UGR sagt in diesen Fällen nicht voraus, ob jemand geblendet wird oder nicht.
Wenn die internationale Beleuchtungskommission ihren eigenen Standard 24 Jahre nach seiner Einführung mit einem eigenen technischen Bericht einschränkt, ist das die ehrlichste mögliche Bestätigung, dass die Norm an ihre Grenzen gestoßen ist.
Quelle: Geerdinck, L.M. et al., Philips Research, 2016; CIE Technical Report 232:2019.
Was ich stattdessen empfehle
Ich schreibe das nicht, um UGR abzuschaffen. Ich schreibe es, weil gute Lichtplanung nicht aus dem Erfüllen von Kennwerten besteht, sondern aus dem Verstehen, warum diese Kennwerte einmal entstanden sind – und ob sie heute noch das richtige Problem lösen.
Zuerst den Bildschirm klären, dann die Leuchte planen. Die entscheidende Variable ist heute der Display, nicht die Leuchte. Wer mit matten, hellen modernen Monitoren arbeitet, hat das Reflexblendungsproblem bereits gelöst, bevor die erste Leuchte geplant ist.
Direkte Blendung über Leuchtdichte in der Sehzone begrenzen. Statt UGR: die Leuchtdichte der Leuchte zwischen 45° und 85° zur Vertikalen begrenzen. Messbarer, direkter, herstellerunabhängig prüfbar. Orientierungswerte: unter 1.000 cd/m² für anspruchsvolle Sehaufgaben, bis 3.000 cd/m² für normale Büroarbeit.
Die räumliche Situation beurteilen. Wo sitzt der Nutzer relativ zur Leuchte? Welcher Abstrahlwinkel? Eine Pendelleuchte mit 60°-Abschirmung ist grundlegend anders als ein flaches Panel direkt über dem Arbeitsplatz. UGR behandelt beide mit derselben Formel.
UGR 19 ist heute in vielen Projekten eine Anforderung, die erfüllt wird, weil sie in der Norm steht – nicht weil jemand geprüft hat, ob sie für die konkrete Situation noch sinnvoll ist. Das ist das Gegenteil von Planung.
Leuchten sind nicht Licht. Und Normwerte sind nicht Qualität.
Dies ist eine fachliche These, keine Norm-Aussage. Rückmeldungen und Widerspruch sind willkommen.
Quellen: CIE Technical Report 117-1995. CIE Technical Report 232:2019 – Discomfort Caused by Glare from Luminaires with a Non-Uniform Source Luminance. Geerdinck, L.M.; Van Gheluwe, J.R.; Vissenberg, M.C.J.M.: Discomfort Glare Perception of Non-Uniform Light Sources in an Office Setting, Philips Research, LED Professional Magazine, 2016. Acuity Brands / LD+A Magazine, Oktober 2020. BenQ – Nano Matte Panel Technology (benq.com). Display Ninja – Panel Coating (displayninja.com). KTC – Monitor Brightness and Eye Strain, 2026. BGI 856 „Beleuchtung im Büro“, Abschnitt 2.3.2, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), vorschriften.bgn-branchenwissen.de/daten/dguv/215_442/2_3_2.htm




