Ra, CRI, Rf – und warum keiner allein reicht
Seit 1965 bewertet die Beleuchtungsbranche die Qualität von Licht mit einer einzigen Zahl: dem Farbwiedergabeindex. Ra 80, CRI 90, Ra 95 — diese Werte stehen in jedem Datenblatt, in jeder Ausschreibung, in jeder Norm.
Das Problem: Die Zahl beschreibt nicht das, was sie zu beschreiben vorgibt. Und sie wird nicht einmal konsequent richtig verwendet.
Warum die Diskussion überhaupt entstand
Der Farbwiedergabeindex Ra wurde 1965 von der CIE — der Internationalen Beleuchtungskommission — eingeführt. Der Kontext ist entscheidend: In den 1960er Jahren verbreiteten sich Leuchtstofflampen massenhaft. Im Gegensatz zur Glühlampe, die ein kontinuierliches Spektrum abstrahlt, haben Leuchtstofflampen ein diskretes Spektrum — sie senden Licht nur in bestimmten Wellenlängenbereichen aus, mit Lücken dazwischen. Ra sollte bewertbar machen, wie gut eine Lichtquelle unter diesen Bedingungen Farben wiedergibt.
Das System funktionierte — für die Technologie der damaligen Zeit. Dann kam die LED.
LED-Lichtquellen haben ebenfalls kein kontinuierliches Spektrum. Aber ihre Spektralverteilung ist noch einmal grundlegend anders als die von Leuchtstofflampen. Hersteller erkannten schnell, dass sie ihre LEDs auf genau die acht Ra-Testfarben optimieren konnten — und dadurch hohe Ra-Werte erreichten, während die Wiedergabe gesättigter Farben wie tiefes Rot oder kräftiges Blau gleichzeitig schlecht war. In der Fachwelt nennt man das "gaming the metric": eine Kennzahl ausreizen, ohne das eigentliche Ziel zu erreichen.
Das Ergebnis: Zwei Leuchten mit identischem Ra 90 können in der Praxis vollständig unterschiedlich wirken.
Quellen: Wikipedia — Farbwiedergabeindex; IES TM-30-20 Technical Memorandum.
Die Antwort aus den USA: TM-30
2015 reagierte die Illuminating Engineering Society (IES) in den USA auf diese Schwäche. Sie entwickelte die Methode TM-30 — einen neuen Standard zur Bewertung der Farbwiedergabe, der auf 99 Testfarben basiert statt auf acht. TM-30 liefert zwei Kennwerte: den Fidelity Index Rf (Farbtreue) und den Gamut Index Rg (Farbsättigung). Erst beide Werte zusammen ergeben ein vollständiges Bild.
Die europäische Reaktion war zunächst skeptisch. Der ZVEI veröffentlichte 2017 ein erstes Positionspapier mit zahlreichen methodischen Kritikpunkten an TM-30. Auch die CIE kam zu dem Schluss, dass TM-30 nicht ausgereift genug sei, um Ra zu ersetzen.
2025 änderte die CIE ihre Position: Mit CIE PS 002:2025 empfahl sie erstmals offiziell die Integration von Rf. Auf der Light + Building Anfang 2026 war das Thema präsenter denn je. Am 28. September 2026 reagierte der ZVEI mit einem neuen Positionspapier — erneut eine Bremse, aber mit deutlich differenzierteren Argumenten als 2017.
Quellen: ZVEI, Positionspapier 2017; CIE PS 002:2025; ZVEI, "Changing the Colour Metrics?", Positionspapier, 28.09.2026.
Erster Fehler: CRI und Ra sind nicht dasselbe
In der Praxis werden CRI und Ra synonym verwendet. Das ist falsch.
Ra ist der allgemeine Farbwiedergabeindex: der Mittelwert der ersten acht Testfarben, ausschließlich ungesättigte Pastelltöne. Das "a" steht für "allgemein". CRI im technisch korrekten Sinne umfasst alle 15 Testfarben — der Mittelwert darüber heißt Re (erweiterter Referenzindex). Wer in einem Datenblatt "CRI 90" liest, bekommt fast immer Ra 90 geliefert — also den eingeschränkten Wert, nicht den erweiterten.
Die Testfarben R9 bis R15, die nicht in Ra einfließen, sind genau die, die in der Praxis am wichtigsten sind: R9 ist gesättigtes Rot. R13 ist Hautton. R14 ist Blattgrün. Eine Leuchte mit Ra 90 kann gleichzeitig einen R9-Wert unter 20 haben — und niemand merkt es, weil der Datenblatt-Wert nichts darüber aussagt.
Quellen: Wikipedia — Farbwiedergabeindex; XAL — CRI Farbwiedergabe; Orizzonte Led Lighting.
Warum R9 keine Nebensache ist
Hier kommt ein Argument, das selten so direkt ausgesprochen wird: Der Mensch ist unterhalb der Haut ein rotes Wesen.
Muskeln, Blut, Gewebe — der überwiegende Teil des menschlichen Körpers, der unter der Haut liegt, ist rot. Das Licht, das wir auf einen Menschen richten, dringt einige Millimeter in die Haut ein und wird vom Unterhautgewebe zurückgeworfen. Wenn eine Lichtquelle das Rotspektrum nicht ausreichend abbildet — wenn also R9 niedrig ist — dann fehlt genau der Anteil des Lichts, der Hauttönen ihre Lebendigkeit gibt. Menschen sehen unter solchem Licht grau, kränklich, leblos aus. Nicht weil sie krank sind, sondern weil das Licht das biologische Signal für Gesundheit unterdrückt.
Das hat handfeste Konsequenzen. In Pflegeheimen und Krankenhäusern, in Arztpraxen und Operationssälen, in Beratungsgesprächen und Verkaufsgesprächen — überall dort, wo Menschen Menschen gegenübersitzen, entscheidet R9 darüber, ob das Gegenüber lebendig oder erschöpft wirkt. In der Gastronomie entscheidet R9, ob ein Steak appetitlich aussieht. In der Fleischtheke ist R9 längst kein akademisches Thema mehr.
Und trotzdem fließt R9 nicht in Ra ein. Trotzdem steht in Ausschreibungen "Ra ≥ 80" oder "Ra ≥ 90" — ohne jede Anforderung an R9. Das ist ein struktureller Fehler im System.
Was das ZVEI-Papier 2026 sagt — und was es offen lässt
Das aktuelle ZVEI-Positionspapier analysiert die mögliche Einführung von Rf als Ra-Ersatz in einer SWOT-Analyse. Die Stärken von Rf werden klar benannt: 99 Testfarben statt acht, modernerer Farbraum (CAM02-UCS), bessere Erfassung von LED-Spektrallücken, offizielle CIE-Empfehlung im Rücken.
Die Schlussfolgerung ist trotzdem eindeutig: Die Einführung von Rf als Ersatz für Ra wird nicht unterstützt. Ra bleibe für allgemeine Beleuchtungsanwendungen ausreichend. Für Anwendungen mit höheren Anforderungen — Museen, Retail, medizinische Umgebungen — lässt der ZVEI eine Tür offen.
Quelle: ZVEI, "Changing the Colour Metrics? Opportunities, risks and clear red line for the German lighting industry", 28.09.2026.
Was fehlt: Die dritte Dimension
Ra und Rf beschreiben beide, wie treu eine Lichtquelle Farben wiedergibt. Was beide nicht beschreiben: ob zwei Leuchten mit identischem Kennwert am selben Ort dasselbe Licht liefern.
LED-Produkte werden in Chargen gefertigt. Innerhalb einer Charge — und erst recht zwischen verschiedenen Chargen — variiert der Farbort der einzelnen LEDs. Zwei Leuchten mit Ra 90 und identischer Farbtemperatur können sichtbar unterschiedlich wirken, weil ihre LEDs an leicht verschiedenen Punkten im Farbraum liegen. Dieses Phänomen wird durch MacAdam-Ellipsen beschrieben: Je kleiner die Ellipse (ausgedrückt in "Steps"), desto enger die Toleranz, desto konsistenter das Licht.
Ra sagt nichts über MacAdam. Rf sagt nichts über MacAdam. TM-30 sagt nichts über MacAdam. Wer heute eine hochwertige Beleuchtungsanlage plant und nur Ra 95 in die Ausschreibung schreibt, hat zwei von drei relevanten Qualitätsdimensionen nicht beschrieben.
Eine These: Was ein vollständiger Qualitätswert leisten müsste
Ich formuliere das als persönliche These, nicht als Norm: Ein wirklich aussagekräftiger Lichtqualitätswert müsste mindestens drei Dimensionen abbilden: die Farbtreue (Ra oder besser Rf), den Rotanteil (R9) und die Farbkonsistenz (MacAdam-Steps). Keiner dieser Werte allein reicht. Zusammen würden sie ein Bild ergeben, das der Realität entspricht.
Denkbar wäre ein kombinierter Index — ein gewichteter Wert, der alle drei Dimensionen integriert. Ähnlich wie der SVM mehrere Flicker-Parameter zu einem wahrnehmungsbezogenen Wert zusammenfasst, könnte ein solcher kombinierter Farbqualitätswert die Planungskommunikation erheblich vereinfachen und Tricksereien mit dem System erschweren.
Das ZVEI-Papier könnte der Auslöser sein — nicht weil es Ra verteidigt, sondern weil es die Schwächen des Status quo so klar benennt, dass die Frage nach einer echten Alternative unvermeidlich wird.
Warum das kein Problem für Online-Shops ist — sondern für jeden, der dort kauft
All diese Unterschiede — Ra vs. Re, R9, MacAdam-Steps, Rf, Rg — sind für einen Endkunden, der über einen Online-Shop einkauft, praktisch nicht zugänglich. Nicht weil die Informationen geheim wären. Sondern weil sie in den meisten Datenblättern schlicht nicht stehen. Ra wird angegeben. R9 fast nie. MacAdam-Steps selten, und wenn, dann in Fußnoten. Rf und Rg sind im Premiumsegment zunehmend vorhanden — aber auch dort muss man oft explizit beim Hersteller nachfragen.
Wer also eine Leuchte im Online-Shop kauft — egal ob für ein Büro, ein Restaurant, eine Arztpraxis oder ein Wohnzimmer — kauft auf Basis einer einzigen Zahl, die, wie dieser Artikel zeigt, nur einen Bruchteil der tatsächlichen Lichtqualität beschreibt.
Das ist kein Argument gegen Online-Shops. Es ist ein Argument dafür, dass Beleuchtungsanlagen von jemandem geplant werden müssen, der diese Kennwerte kennt, versteht und in Ausschreibungen sauber formulieren kann.
Ein Elektriker verlegt Kabel und installiert Leuchten. Ein Architekt plant Räume und Fassaden. Ein Lichtplaner spezifiziert Lichtqualität — Ra und R9, MacAdam-Steps, Rf und Rg, Farbtemperatur und Lichtverteilung — so präzise, dass ein Hersteller liefern muss, was tatsächlich gebraucht wird, und nicht das, was gerade vorrätig ist. Das ist der Unterschied zwischen einer Beleuchtungsanlage, die funktioniert, und einer, die wirkt.
Was das für die Lichtplanung bedeutet
Ra allein reicht nicht. Wer eine hochwertige Beleuchtungsanlage beschreibt, sollte mindestens Ra ≥ 90 und R9 ≥ 50 fordern — besser R9 ≥ 80 für Anwendungen mit Menschen im Mittelpunkt. Für farbkritische Anwendungen empfiehlt sich zusätzlich die Angabe von MacAdam-Steps (≤ 3 für anspruchsvolle Anwendungen).
TM-30-Werte (Rf, Rg) werden von Herstellern im Premiumsegment zunehmend angegeben. Wer sie verlangen kann, sollte es tun.
Und der wichtigste Satz: Eine Leuchte mit Ra 90 kann schlechter aussehen als eine mit Ra 83 — wenn die erste einen R9-Wert von 15 hat und die zweite einen von 85. Die Zahl allein ist keine Qualitätsgarantie.
Leuchten sind nicht Licht. Und ein Kennwert ist nicht Qualität.
Quellen: ZVEI, "Changing the Colour Metrics?", Positionspapier, 28.09.2026 (zvei.org). CIE PS 002:2025. ANSI/IES TM-30-20. Wikipedia — Farbwiedergabeindex. XAL — CRI Farbwiedergabe. Orizzonte Led Lighting.
Titelbild: Villa K, private Wohnräume — Lichtplanung Licht + Planung GmbH & Co. KG.




