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Kunstlicht bringt dich um – wenn du es falsch planst.

  • vor 3 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Von Fatih Yetgin, Lichtarchitekt – Licht + Planung, Karlsruhe


Was ein Höhlenforscher aus 1962 und eine moderne Erkenntnis der Chronobiologie

gemeinsam über Lichtplanung lehren.


Im Juli 1962 stieg ein 23-jähriger französischer Geologe in eine Gletscherhöhle

in den Seealpen. Keine Uhr. Kein Kalender. Kein Tageslicht.


Michel Siffre wollte 15 Tage bleiben. Er blieb 63.


Als er die Höhle verließ, war er überzeugt, erst 35 Tage gewesen zu sein.

Er hatte die Hälfte seiner Zeit schlicht verloren. Sein Körper hatte ohne

Tageslicht als Taktgeber seinen biologischen Rhythmus verloren.


Das klingt extrem. Ist es auch. Aber das Prinzip gilt für jeden Raum ohne

ausreichenden Tageslichtbezug – nur langsamer.


Was in der Höhle passierte – und warum das Biologie ist


Unser Körper besitzt eine innere Uhr – den circadianen Rhythmus. Diese Uhr

läuft auf etwa 24 Stunden, braucht aber externe Zeitgeber um präzise zu bleiben.

Der wichtigste: Licht.


Siffres zweites Experiment 1972 in Texas (205 Tage, im Auftrag der NASA) war

noch drastischer: Sein Schlaf-Wach-Zyklus dehnte sich auf 48 Stunden aus.

Sein Körper hatte sich neu kalibriert – falsch.


Die Schaltstelle sitzt tief im Gehirn: der Nucleus suprachiasmaticus (SCN) im

Hypothalamus. Er koordiniert Hormonspiegel, Körpertemperatur, Blutdruck,

Stoffwechsel – alles im 24-Stunden-Takt. Er braucht Licht als Taktgeber.

Fällt der Taktgeber weg, verliert die innere Uhr ihren Anker.


Hätte Kunstlicht das verhindert? Ja – aber nur das richtige.


Kurz nach der Jahrtausendwende entdeckten Wissenschaftler einen dritten

Rezeptor in der menschlichen Netzhaut. Er dient nicht dem Sehen – er taktet

die innere Uhr. Dieser Rezeptor, die ipRGC (intrinsisch photosensitive

retinale Ganglienzellen), reagiert besonders auf kurzwelliges blaues Licht

um 480 nm – genau das Licht das morgens im Tageslicht dominiert.


Diese Entdeckung war der Startschuss für Human Centric Lighting (HCL):

Kunstlicht das dem natürlichen Tageslichtverlauf folgt.


Die Empfehlung der Wissenschaft: mindestens **250 m-EDI** (melanopische

Equivalent Daylight Illuminance) am Auge – vertikal gemessen auf Augenhöhe.

Dieser Wert beschreibt nicht wie hell es ist, sondern wie stark das Licht

biologisch wirkt. (Quelle: CIE S 026, 2018)


Hätte Siffre ein solches HCL-System gehabt, wäre sein circadianer Rhythmus

synchron geblieben.


Das Problem mit statischem Kunstlicht – und warum es dich krank macht


Hier liegt der Kern des Problems. Und er betrifft fast jeden Raum in Deutschland.


Statisches Kunstlicht bedeutet: immer dieselbe Helligkeit, immer dieselbe

Farbtemperatur – egal ob 9 Uhr morgens oder 16 Uhr nachmittags.


Das klingt harmlos. Ist es nicht. Der Körper bekommt kein Zeitgeber-Signal.

Er verliert seinen Takt – langsam, unmerklich, aber messbar.


Das Dilemma mit der Lichtfarbe:


Kühles Licht (5.000–6.500 K) mit hohem Blauanteil ist biologisch am

wirksamsten. Es unterdrückt Melatonin, macht wach und synchronisiert die

innere Uhr. Morgens und mittags ideal. Wenn es aber den ganzen Tag auf

demselben Niveau brennt – auch abends – stört es genau dann die

Melatonin-Produktion wenn der Körper sie braucht. Der Schlaf leidet.


Warmes Licht (2.700–3.000 K) ist abends richtig und angenehm. Aber wenn

es statisch den ganzen Tag über 500 Lux gibt – auch mittags – liefert

es biologisch zu wenig. Rechnung mit typischen Downlights bei 3.000 K:


→ 500 Lux auf dem Tisch (horizontal, wie die Norm misst)

→ Ca. 175 Lux vertikal am Auge (nur 35% kommen biologisch an)

→ MDER bei 3.000 K: ca. 0,59 (laut CIE S 026)

→ 175 × 0,59 = **ca. 103 m-EDI am Auge**


Empfehlung: 250 m-EDI. Realität: 103 m-EDI.

Wir liegen bei weniger als der Hälfte. Im normgerechten Büro.


Statisches warmweißes Licht ist also doppelt falsch: mittags biologisch

zu schwach, abends (wenn auch zu Hause statisch warm) zu wenig Signal

für die Nacht. Statisches kühles Licht wiederum: tagsüber gut, abends

ein Schlafkiller.


Es gibt kein gutes statisches Licht. Es gibt nur geplantes dynamisches Licht.


Was HCL nachweislich leistet – die Zahlen


Dynamisches, biologisch wirksames Kunstlicht funktioniert:


Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik zeigte: Unter biologisch wirksamer

Beleuchtung sank die Fehlerrate bei Konzentrationstests um **12 Prozent**.


Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (2014) zeigte: In Schulen mit

dynamischem Licht sanken Fehlerquoten um bis zu **45 Prozent**, die

Arbeitsgeschwindigkeit stieg um rund **30 Prozent**.


In Pflegeeinrichtungen mit HCL schliefen Bewohner besser, waren tagsüber

aktiver und benötigten in einigen Fällen weniger Schlafmedikamente.


Bei Alzheimer-Patienten verbesserte sich die Schlafqualität messbar,

Unruhe und depressive Verstimmungen nahmen ab.


Was Kunstlicht nicht kann – der entscheidende Unterschied


Und hier liegt die Grenze. HCL kann den circadianen Rhythmus synchron halten.

Aber es kann echtes Tageslicht nicht vollständig ersetzen.


Der Grund: UV-B-Strahlung. Nur echtes Sonnenlicht enthält UV-B, das die

Haut braucht um Vitamin D zu produzieren. Standard-Kunstlicht und HCL-Leuchten

filtern UV-B heraus – aus gutem Grund. Aber die Konsequenz ist klar:


Wer dauerhaft ohne Tageslicht lebt, entwickelt Vitamin-D-Mangel.

Die Folgen sind gravierend:


- Müdigkeit, Schlafstörungen, verminderte Konzentration

- Geschwächtes Immunsystem, häufigere Infekte

- Störungen im Serotonin- und Melatonin-Haushalt

- Erhöhtes Risiko für Depression und saisonale affektive Störungen

- Bei Langzeit: erhöhtes Risiko für metabolische Erkrankungen,

kardiovaskuläre Probleme


Eine schwedische Langzeitstudie mit 20.000 Frauen über 20 Jahre zeigte:

Wer Sonnenlicht konsequent mied, hatte eine deutlich **höhere Sterblichkeitsrate**

als diejenigen mit regelmäßigem Tageslichtbezug. Die Forscher verglichen

den Effekt mit anderen bekannten Gesundheitsrisikofaktoren.

(Lindqvist et al., Journal of Internal Medicine, 2016)


Eine Studie der Michigan State University zeigte: Bereits vier Wochen unter

50 Lux – das entspricht typischer Innenraumbeleuchtung – verursachten

messbare Veränderungen im Hippocampus, der Hirnregion für Gedächtnis

und Lernen. Die gute Nachricht: reversibel nach vier Wochen intensiver

Beleuchtung. Aber: es passiert.


Was das für jeden Raum bedeutet


Die Höhle ist extrem. Aber das Prinzip gilt für jedes Büro, jede Praxis,

jeden Wohnraum ohne ausreichenden Tageslichtbezug.


Das fensterlose Büro. Die abgehängte Decke mit gleichmäßig neutralweißem

Kunstlicht von 8 bis 18 Uhr. Die Intensivstation. Das Pflegeheim. Das

Besprechungszimmer im Innenkern.


All diese Räume senden dem Körper dasselbe Signal wie Siffres Höhle:

Es gibt keine Zeit. Alles ist gleich. Der Takt geht verloren.


Und wenn dann noch warmes statisches Licht mit 3.000 K brennt – weil

es gemütlich wirkt – dann liefert es biologisch noch nicht mal die Hälfte

von dem was der Körper braucht. Und wenn kühles Licht mit 5.000 K

statisch den ganzen Tag brennt – dann schläft man abends schlecht.


Es gibt keine einfache Lösung. Nur eine geplante.


Mein Fazit als Lichtplaner


Die erste Frage in der Lichtplanung ist nicht: Welche Leuchte?


Sie ist: Wie viel Tageslicht kommt rein – und wann?

Was passiert in den Stunden und Räumen ohne Tageslicht?

Welche Farbtemperatur zu welcher Tageszeit?

Wie dynamisch kann das System sein?


Ein Lichtkonzept das diese Fragen nicht stellt, plant an der Biologie

des Menschen vorbei. Und Kunstlicht das statisch brennt – egal ob

warm oder kühl – gibt dem Körper keinen Takt. Es ist Rauschen.


Siffre verlor die Zeit weil er kein Licht hatte.

Wir verlieren unsere Gesundheit weil wir das falsche haben.


Licht ist kein Schalter. Es ist ein Taktgeber.

Und wer ihn nicht plant, überlässt den Körper seiner eigenen –

falschen – inneren Uhr.


---


Quellen


Siffre, M. (1962/1972): Chronobiologische Selbstversuche.

Scarasson-Höhle (Seealpen) und Midnight Cave (Texas, NASA-Auftrag).

Dokumentiert in: NZZ Nachruf 28.09.2024 | Wikipedia: Michel Siffre |

Spektrum der Wissenschaft, Mai 2023.


CIE S 026 (2018): CIE System for Metrology of Optical Radiation for

ipRGC-Influenced Responses to Light. (Melanopische EDI, MDER-Werte)


Lindqvist, P.G. et al. (2016): Avoidance of sun exposure as a risk

factor for major causes of death. Journal of Internal Medicine, 280(4).

(Schwedische Langzeitstudie, 20.000 Frauen, 20 Jahre)


Michigan State University (2014): Studie zu Lichtmangel und Hippocampus.

Dokumentiert in: t-online Gesundheit, 09.02.2018.


Fraunhofer-Institut für Bauphysik: Studie zur biologisch wirksamen

Beleuchtung am Arbeitsplatz.


Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (2014): Wirksamkeit von

dynamischem Licht im Schulunterricht.


DIN EN 12464-1: Beleuchtung von Arbeitsstätten – Teil 1: Arbeitsstätten

in Innenräumen. Aktuelle Fassung mit Anhang C (biologische Wirkungen).


licht.de – Fachverband Licht: Human Centric Lighting.


WELL Building Standard: Circadian Lighting Design Criteria.

Empfehlung: 250 m-EDI vertikal am Auge tagsüber.


 
 

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