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Das Licht, das wir nicht mehr bekommen – Vitamin D, UVB und was das mit Lichtplanung zu tun hat

  • vor 9 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Wir reden viel über Licht und Gesundheit. Über melanopische Wirkung, über zirkadiane Rhythmen, über 500 Lux auf dem Schreibtisch. Das sind wichtige Themen — aber sie betreffen alle denselben Teil des Lichtspektrums: das sichtbare Licht.


Es gibt einen anderen Teil, den wir fast vollständig vergessen haben. Er ist unsichtbar. Er erreicht uns kaum noch. Und sein Fehlen hat Konsequenzen, die weit über Müdigkeit und Schlafqualität hinausgehen.


Er heißt UVB.


Was UVB im Körper auslöst

UVB-Strahlung — kurzwelliges ultraviolettes Licht zwischen 280 und 315 Nanometern — ist die einzige natürliche Quelle für die Produktion von Vitamin D im menschlichen Körper. Wenn UVB-Strahlung die Haut trifft, wird dort eine Vorstufe namens 7-Dehydrocholesterol in Prä-Vitamin D3 umgewandelt, das der Körper dann enzymatisch in die biologisch aktive Form überführt.


Vitamin D ist dabei weit mehr als ein Knochenvitamin. Es ist ein Steroidhormon, das in nahezu jeder Zelle des Körpers Rezeptoren hat und eine breite Palette biologischer Prozesse beeinflusst: Kalziumaufnahme, Muskelkraft, Immunreaktion, Entzündungsregulation, Hormonhaushalt, sogar die Stimmungsregulation über Serotonin- und Cortisolpfade.


Forscher von Signify Research in Eindhoven haben in einem aktuellen Übersichtsartikel zusammengefasst, was die Wissenschaft dazu weiß: Mehr als 80 Prozent des körpereigenen Vitamin D werden durch Sonnenlichtexposition produziert — nicht durch Ernährung. Nahrungsquellen liefern nur einen kleinen Beitrag.


Quelle: Broersma, R.C. & Lucassen, M.P., „Sunlight, UVB and Vitamin D – Human Centric Lighting Beyond Melanopic Stimulation“, LED Professional Review, Issue 116, Juli/August 2026, Luger Research e.U.


Warum die meisten Menschen zu wenig Vitamin D haben

Eine globale Metaanalyse auf Basis von Blutmessungen aus den Jahren 2000 bis 2022 zeigt: Rund 77 Prozent der Menschen weltweit haben unzureichende Vitamin-D-Spiegel. Das gilt nicht nur für nördliche Breiten — selbst in äquatorialen Regionen haben mehr als 52 Prozent der Bevölkerung zu niedrige Werte.


Der Grund liegt nicht hauptsächlich in der Geographie, sondern im Lebensstil. Menschen verbringen mehr als 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen. In Deutschland verbringen Menschen laut Umweltbundesamt durchschnittlich 80 bis 90 Prozent ihres Tages in geschlossenen Räumen — im Büro, in der Wohnung, im Auto oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.


Im Winter fällt UVB-Strahlung auf Breiten über 50° Nord — also auch in Deutschland — praktisch auf null. Die Sonne steht so flach, dass die UVB-Anteile vollständig von der Atmosphäre absorbiert werden, bevor sie die Erdoberfläche erreichen. Die winterlichen Vitamin-D-Spiegel können bis zu 50 Prozent unter den sommerlichen liegen.


Quelle: Cui et al. (2023), Frontiers in Nutrition, doi: 10.3389/fnut.2023.1070808; Umweltbundesamt — Innenraumluft und Gesundheit.


Reicht ein Strandurlaub?

Die naheliegende Gegenfrage lautet: Wenn ich zwei Wochen im Sommer am Meer bin, bin ich dann versorgt?


Die ehrliche Antwort: Vorübergehend ja — strukturell nein.


Am Strand in Badehose ist die exponierte Hautfläche deutlich größer als im Alltag. Unter optimalen Bedingungen kann der Körper in kurzer Zeit sehr große Mengen Vitamin D produzieren, und ein Strandurlaub kann den Spiegel deutlich anheben.


Das Problem ist die Zeit danach. Von Oktober bis März ist in Deutschland die UVB-Intensität so gering, dass die Haut kein Vitamin D mehr produzieren kann — egal wie viel Sonne man im Sommer getankt hat. Entscheidend ist dabei nicht die Intensität einzelner Sonnenmomente, sondern die Summe über die Woche: Tägliche kurze Exposition ist physiologisch wirksamer als zwei lange Sonnenbäder am Wochenende oder zwei Wochen Strandurlaub im Jahr.


Wer täglich 10 bis 30 Minuten mit unbedeckten Armen und Gesicht draußen ist, kann seinen Spiegel stabil halten. Wer das nicht kann — weil er im Büro sitzt, wenn die Sonne auf dem richtigen Winkel steht — hat ein strukturelles Defizit, das der Urlaub zwar verbessert, aber nicht löst.


Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) — Konsentierte Empfehlung zu UV-Strahlung und Vitamin D; Preventis — Vitamin D auch im Sommer, 2026.


Das Problem ist nicht die Sonne — es ist das Haus

Hier liegt die planungsrelevante Erkenntnis, die mich als Lichtplaner besonders beschäftigt.


Das Defizit entsteht nicht, weil die Sonne zu wenig scheint. Es entsteht, weil Gebäude UVB-Strahlung vollständig blocken. Normales Fensterglas lässt sichtbares Licht und einen Teil der UVA-Strahlung durch — aber UVB wird von der Glasscheibe nahezu vollständig absorbiert. Wer am Fenster sitzt und die Sonne scheinen sieht, bekommt kein UVB. Die Scheibe filtert es heraus.


Das bedeutet: In einem typischen Büro, in dem Menschen acht oder mehr Stunden täglich arbeiten, ist die UVB-Exposition gleich null — unabhängig von der Jahreszeit, unabhängig vom Wetter, unabhängig davon, ob die Sonne scheint oder nicht.


Wer 50 oder 60 Stunden pro Woche im Gebäude verbringt, kann dieses Defizit nicht durch eine Viertelstunde Mittagspause kompensieren. Die biologische Rechnung geht nicht auf.


Kann künstliches UVB-Licht Sonnenbrand verursachen?

Die naheliegende Folgefrage: Wenn man UVB-Strahlung in Innenräumen einsetzen will — ist das nicht gefährlich?


Die Antwort hängt vom Lampentyp und der Dosierung ab. Es gibt Lampen, die UVB-Strahlung mit Wellenlängen unter 300 Nanometern emittieren — ein Spektrum, das im natürlichen Sonnenlicht in dieser Form nicht vorkommt und sehr aggressiv ist. Solche Lampen können tatsächlich Sonnenbrand verursachen und sind für den Innenraumeinsatz ungeeignet.


Richtig konzipierte UVB-Quellen für den Innenraum arbeiten nach einem anderen Prinzip: Sie imitieren das natürliche Sonnenlichtspektrum und liefern eine Dosis, die gezielt unterhalb der sonnenbrandwirksamen Schwelle liegt. Das Bundesamt für Strahlenschutz definiert diese Schwelle als 0,5 MED — die Hälfte der minimalen sonnenbrandwirksamen UV-Dosis. Unterhalb dieser Dosis ist Vitamin-D-Synthese möglich, ohne Hautschäden zu riskieren.


Wichtig dabei: Längere Bestrahlungen erzeugen nicht mehr Vitamin D, sondern nur mehr Risiko. Der Körper reguliert die Synthese selbst ab einem bestimmten Punkt — mehr UVB bedeutet dann nicht mehr Vitamin D, sondern mehr UV-Belastung ohne Zusatznutzen.


Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) — Konsentierte Empfehlung zu UV-Strahlung und Vitamin D; Lampenhero — UVB-Lampen: Alles Wissenswerte, 2026.


Human Centric Lighting — und seine blinde Stelle

Human Centric Lighting ist der Begriff, mit dem die Beleuchtungsbranche seit Jahren wirbt. Farbtemperatur. Melanopsin. Zirkadiane Wirkung. Alles sichtbares Licht — und das zu Recht, denn diese Faktoren sind wissenschaftlich belegt und planungsrelevant.


Aber es gibt eine blinde Stelle: UVB.


UVB ist Teil des natürlichen Sonnenspektrums, unter dem sich der menschliche Körper über hunderttausende Jahre entwickelt hat. Moderne Gebäude schneiden diesen Teil vollständig heraus. Eine Lichtplanung, die das ignoriert, plant für das Auge — nicht für den Menschen.


Zwei Wochen Urlaub ersetzen kein Lichtkonzept.


Die Konsequenz für die Planung: Gesundheit durch Licht ist nicht nur eine Frage der Lux-Zahlen und Kelvin-Werte. Es ist die Frage, welche Teile des natürlichen Lichtspektrums in einem Gebäude fehlen — und ob und wie man das kompensieren kann. Das sind Fragen, die in Leistungsphase 2 gestellt werden müssen. Nicht in der Leuchtenauswahl.


Was wir wissen — und was noch offen ist

Über 60 Prozent der deutschen Bevölkerung weisen im Winter einen unzureichenden Vitamin-D-Spiegel auf. Die Wissenschaft ist klar in einem Punkt: Vitamin-D-Mangel ist verbreitet, hat messbare Gesundheitsfolgen, und entsteht wesentlich durch mangelnde Sonnenexposition in einer zunehmend nach innen gerichteten Lebensweise.


Was noch in der Entwicklung ist: Welche genauen Lichtquellen in welcher Dosierung geeignet sind, dieses Defizit sicher und wirksam zu kompensieren. Die Forschung dazu ist aktiv, aber noch nicht abgeschlossen.


Als Lichtplaner nehme ich daraus eine Erkenntnis mit, die ich an Architekten und Bauherren weitergebe: Fensterglas ist nicht neutral. Es verändert das Licht, das Menschen erreicht — nicht nur in seiner Menge, sondern in seiner biologischen Zusammensetzung. Ein Gebäude, das Menschen schützt, muss diese Frage ernst nehmen.


Licht ist mehr als das, was wir sehen.


Quellen: Broersma, R.C. & Lucassen, M.P., „Sunlight, UVB and Vitamin D – Human Centric Lighting Beyond Melanopic Stimulation“, LED Professional Review, Issue 116, Juli/August 2026, Luger Research e.U. Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) — Konsentierte Empfehlung zu UV-Strahlung und Vitamin D (bfs.de). Umweltbundesamt — Innenraumluft und Gesundheit. Cui et al. (2023), Global and regional prevalence of vitamin D deficiency, Frontiers in Nutrition. Preventis — Vitamin D auch im Sommer, 2026. Lampenhero — UVB-Lampen: Alles Wissenswerte, 2026.


Werbung ohne Gegenleistung: Dieser Artikel nennt keine Produkthersteller.

 
 
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